Meinung: Hören blinde und sehbehinderte Menschen wirklich besser als andere?

Vielerorts ist das Cliché, dass ein blinder oder sehbehinderter Mensch besser hören müsse, weit verbreitet. Da der Sehsinn kaum oder gar nicht beansprucht werde, seien andere Sinne umso stärker ausgeprägt, argumentieren die Befürworter dieser Meinung. Doch stimmt das überhaupt?

Hörsinn ist nicht besser, sondern wir hören genauer und bewusster

Eigentlich ist es doch offensichtlich: Das Auge wird kaum oder gar nicht beansprucht und deshalb hört man eben besser. Ganz so einfach ist das aber meiner Meinung nach nicht. Ich selbst bin seit meiner Geburt vollblind und kann nicht von einem ausgeprägteren Hörsinn sprechen. Mein Ohr, das Trommelfell oder die Gehörknöchelchen sind weder größer als bei anderen Menschen, noch kann ich behaupten, dass ich tatsächlich besser als andere Menschen höre. Vielmehr höre ich genauer bzw. differenziere das, was ich höre, mehr, als sehende Menschen es normalerweise tun würden. Das Ergebnis: Mein Hörsinn ist nicht besser, sondern ich konzentriere mich mehr auf das, was ich höre, da ich mich nicht mit visuellen Eindrücken beschäftigen muss. Ich nehme Höreindrücke deutlich differenzierter und bewusster wahr. Das liegt bei mir daran, dass ich bereits seit meiner Geburt mein Gehör für alles benötige und ich deshalb die Fähigkeit des konzentrierteren, bewussteren Hörens gut entwickeln konnte. Was andere mit ihren Augen nach und nach lernen, sei es das Erkennen von Objekten oder das Lesen, habe ich mit meinen Ohren gelernt.

Keineswegs einzigartig

Ebenfalls hat auch das Bild des blinden Menschen als besonders guter Hörer keine pauschale Gültigkeit. Auch ein sehender Mensch kann die Fähigkeit, genauer und konzentrierter zu hören, ebenfalls noch erlangen. Das erfordert allerdings viel Zeit und Geduld. Nicht umsonst schulen etwa Sounddesigner oder Toningenieure ihre Ohren fortlaufend, um das beste aus ihrer Arbeit herauszuholen. Letztendlich hören solche Menschen aber genau so akkurat wie jemand, der schon seit seiner Geburt vollblind und damit auf die akustischen Informationen der unmittelbaren Umgebung angewiesen ist. In ihren Spezialbereichen dürften sie sogar noch deutlich mehr heraushören.

Fazit: Wir hören konzentrierter und genauer, aber verfügen über keinen übernatürlichen Hörsinn

Blinde und sehbehinderte Menschen verfügen somit nicht automatisch über ein besseres Hörvermögen, sondern haben vielmehr die Fähigkeit entwickelt, genauer, bewusster und konzentrierter die Informationen aus den akustischen Eindrücken herauszufiltern, was vor allem an der jahrelangen Schulung im Alltag liegen dürfte. Falls man zudem schon seit seiner Geburt vollblind seinen Lebensalltag bestreitet, geschieht dieses Training des Gehörs quasi unbewusst und nebenbei. Da die Sinneseindrücke der Augen gefahrlos ignoriert werden können, widmen wir unsere Aufmerksamkeit eher der akustischen Wahrnehmung und sind deshalb in der Lage, Dinge differenzierter, ungestörter und daher auch bewusster über das Gehör wahrnehmen zu können. Ein übernatürlich ausgeprägter Hörsinn hat damit jedoch nichts zu tun und bleibt somit nicht mehr als eines von vielen Clichés, das Blinden und Sehbehinderten anhaftet.

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